Die Grundlage – Yama und Niyama

Durch Yama und Niyama entwickeln wir unsere Persönlichkeit. In traditionellen Yoga-Klöstern (Ashrams) wurde-und wird- kein Schüler in tieferen spirituellen Übungen unterrichtet, wenn er nicht in der Lage ist, nach Yama und Niyama zu leben. Dies sind die inneren Disziplinen, die unser Verhalten regeln sollen.

Yama

a.) Ahimsa

bedeutet Gewaltlosigkeit. Bereits ein schlechter Gedanke ist Gewalt. Ich denke schlecht über eine Person, daher spreche ich auch schlecht über sie. Und dies führt dazu, dass ich eine innere Bereitschaft entwickle, etwas Schlechtes zu tun, und so wird also aus Konsequenz auf mein Denken eine schlechte Handlung folgen.

Da wir aber bei allen Yoga-Pfaden karmische Verstrickung meiden wollen, nur schon aus selbstischen Gründen, sollten wir auf Gedanken-Beobachtung und -Bewachung, oder allgemein auf Mental-hygiene grosse Sorgfalt walten lassen.

b.) Satya

bedeutet Wahrhaftigkeit. Hier gilt wieder dasselbe Prinzip: weder in Gedanken, Worten noch in Taten unaufrichtig zu sein. Wie sehr uns Lügen karmisch verstricken, können wir uns bewusstmachen, wenn wir aufmerksam beobachten, wie sehr wir uns bemühen müssen, uns genau zu merken, wem wir was erzählt haben, um uns nicht zu verraten.

c.) Brahmacarya

bedeutet Enthaltsamkeit. Dies bedeutet aber nicht nur die sexuelle Enthaltsamkeit.

Wir sollten uns bei allen Handlungen bewusst sein, wieviel Energie wir verbrauchen. Wie können wir denn unsere Energie zum spirituellen Wachstum kanalisieren, wenn wir uns ständig im Nebensächlichem, im Alltäglichen verzetteln?

Wir sollten uns fragen, wieviel wir wirklich sprechen, arbeiten, schlafen, essen und lesen müssen. Was lohnt sich für das Leben? Was ist nur Gewohnheit? Wir sollten uns also zurücknehmen bei allen Tätigkeiten, die uns stark in die Welt hinausziehen. Von all denen ist die Sexualität die Kraft, die einen am stärksten aus dem Selbst herauszerrt und einem mit dem Körper identifizieren lässt.

d.) Asteya

bedeutet nicht zu stehlen. Gedanklich stehlen heisst begehren! Bedenke, du bist nur ein Durchwanderer in dieser Welt. Hier bist Du nie der Besitzer von Dingen, sondern nur der zeitweilige Verwalter. (privare -lat- bedeutet stehlen.)Wir sollten uns also mit den Dingen beschäftigen, die wir haben und nicht mit denen, die wir nicht haben!

„Der höchste Herr beherrscht und besitzt alles beseelte und unbeseelte im Universum. Der Mensch soll daher nur die Dinge annehmen, die er braucht um die ihm als Anteil zur Verfügung gestellt sind. Er soll nicht andere Dinge nehmen, weiss er wohl, wem sie gehören.“ Isopanisad 1

Alles, was wir anderen wegnehmen, werden wir wieder verlieren oder sie werden uns genommen! (karma)

 

e) Aparigraha

bedeutet Freiheit von Habgier. Genauer gesagt: “ Sein Handeln nicht danach auszurichten, Belohnung und Geschenke zu erhalten.“ Dem traditionellen Yoga-Schüler ist es sogar verboten, Gaben für seinen Dienst anzunehmen. Wir sollten also tun, was zu tun ist, und bleiben von den „Früchten“ (auch Dank und Undank, Ehre und Schmach) unberührt. Nur so können wir friedlich leben.

Niyama

a.) Saucha

bedeutet Reinheit. Hierbei wird unterschieden:

  1. Körperliche Reinheit. Zweimal täglich zu baden, sich sauber zu kleiden, seine Umgebung sauber zu halten. Auch keine Berauschung zu sich zu nehmen, und nicht unreine Dinge zu essen (in tama- und raja-guna)
  2. Mentale Reinheit bezieht sich auf das, was wir lesen, denken, reden etc. Denn alles, was wir durch die Sinne in unseren Geist hineinladen, bleibt dort gespeichert und formt unser Wesen. (Diese samskaras, gespeicherte Sinneseindrücke, selbst aus vielen vergangenen Leben, mögen uns auch in ganz andere Lebenswege hineindrücken, als wir es nun möchten)

b.) Santosha

bedeutet Genügsamkeit. Wir sollten mit dem zufrieden sein, was uns zum Leben gegeben ist. Die Vedas mahnen uns: „Was wir bekommen, ohne harte Arbeit und Überbemühung (prayasa) und anderen Leid oder Schaden zuzufügen, ist für uns bestimmt.“

Wenn ich mehr nehme, als ich wirklich benötige, nehme ich anderen weg. Horten ist karmisch gesehen Diebstahl.

Das Glück wohnt nicht im Besitze und nicht im Golde. Das Glücksgefühl ist in der Seele zuhause.

c.) Tapasya

bedeutet Busse und Opfer (wörtlich: Glut, denn es ist die innere Glut, durch die wir uns wieder entzünden an Gottes Liebe), es ist das freiwillige Aufgeben von etwas, das einem eigentlich lieb wäre, für das Erreichen von etwas noch viel Grösserem. Tapasya bedeutet, Raum zu schaffen für etwas Grösseres. Der Platz in mir, der momentan von der Welt eingenommen ist, wieder dem zur Verfügung stellen, der eigentlich dahin gehört: Gott. So wie wir unseren grobstofflichen Körper reinigen durch ein Bad, so reinigen wir unseren feinstofflichen Körper durch tapasya. So gibt es bestimmte Fasttage (Ekadashi), oder wir verzichten auf bestimmte Annehmlichkeiten, um das Geld als Opfer für Heiliges zu verwenden. Wir lernen unsere Bedürfnisse neu einzuordnen.

d.) Svadhyaya

bedeutet das Studium und Reflektion. Es ist zweierlei: das Studium seiner selbst und das Studium der offenbarten Schriften.

Was erhebt mich? Was wirft mich wieder zurück? Was tue ich für den Körper (meine bedingte Natur) und was für die ewige Seele (meine eigentliche Natur)?

Wie sollte meinen Umgang mit den Lebewesen, die mich umgeben, sein, und wie kann ich ihn verbessern? Wo liegen meine Anhaftungen? Fühle ich mich wohl in meinem Sadhana (auch für die nächsten 30 Jahre) und wo bedarf es Vertiefung oder Änderung?

e.) Isvara Pranidhana

bedeutet wortwörtlich „jeden Atemzug (das heisst das ganze Leben) Gott zu geben“.

Es bedeutet, eine Gott ergeben Seele zu werden. Das heisst, sein Sein auf ihn ausrichten. Ihn wieder zum Zentrum des Lebens werden lassen. (Es ist wichtig zu beachten, dass hier nicht davon gesprochen wird, die Energie oder die Ausstrahlung Gottes, das Brahman, zu verehren. Es wird klar und deutlich auf „isvara“, die Person Gottes hingewiesen.